Nowgorod investiert in die Holzwirtschaft/Deutsche Kfz-Zulieferer produzieren vor Ort/ Exporte aus der Bundesrepublik stiegen gewaltig an

14.05.09 Aktuelles, Nowgorod

Das russische Gebiet Nowgorod lockt mit seinem Waldreichtum russische und internationale Holzkonzerne an. Außerdem stehen in den nächsten Jahren etliche Ersatzinvestitionen an. Dies könnte Chancen für deutsche Holzmaschinenhersteller bieten. Die Exporte aus der Bundesrepublik in die Region sind 2008 um 50 Prozent gestiegen. Gouverneur Sergej Mitin wirbt mit niedrigen Anschlussgebühren und Grundstückskosten um ausländische Investoren. Damit will er sein Gebiet vom benachbarten St. Petersburg abheben.

Die Region Nowgorod im Nordwesten Russlands setzt in erster Linie auf die Holz- und Lebensmittelindustrie. In diesen Sektoren hat die Region mit ihren 640.000 Einwohnern eine Reihe von Investoren gewonnen. Auch deutsche Kfz-Zulieferer haben sich aufgrund der Nähe zum Automobilzentrum St. Petersburg für den Standort entschieden. 

Aus dem Bereich Holzwirtschaft haben sich zwei Tochterfirmen der deutschen Pfleiderer AG und die österreichische Holzindustrie Prading angesiedelt. Außerdem kamen die finnischen Unternehmen UPM Kummene und der StoraEnso-Konzern nach Nowgorod. Das Gebiet bietet ideale Voraussetzungen für die Holzwirtschaft: Zwei Drittel der gesamten Fläche sind bewaldet (3,5 Millionen Hektar). Dies entspricht in etwa der Fläche der Schweiz. Die Holzvorräte belaufen sich auf 461 Millionen Kubikmeter. Davon dürfen 8,8 Millionen Kubikmeter gerodet und weiterverarbeitet werden. Tatsächlich wurden bislang nur 41 Prozent beziehungsweise 3,8 Millionen Kubikmeter genutzt.

Pfleiderer ist nicht die einzige deutsche Firma, die in den vergangenen Jahren in Nowgorod investiert hat. Von Anfang 1994 bis Januar 2009 sind 171 Millionen Euro deutsches Kapital in die Region geflossen. Im Mai 2009 waren 27 Unternehmen mit deutscher Beteiligung registriert. Dazu gehören der Zigarettenverpackungshersteller Amcor Rentsch, der Lkw-Anhängerproduzent Novtruck und der Automobilzulieferer Benteler.

Interessanter Standort für verschiedene Branchen

Die Liste der Investoren zeigt: Neben der Holz- und Lebensmittelwirtschaft siedeln sich auch Kfz-Zulieferbetriebe in Nowgorod an. Auf einer Pressekonferenz Mitte Mai 2009 in Moskau warb Gouverneur Sergej Mitin um weitere Investoren aus dieser Branche. Die Nachbarschaft zum Zentrum der Automobilindustrie Russlands, St. Petersburg, sowie günstige Lohnkosten und niedrige Preise für Grundstücke und deren Erschließung seien das große Plus der Region. Mitin verwies außerdem auf geringere Zeiten für die Ummeldung von Grundstücken.

Auch im Augenblick bauen eine Reihe von großen und mittelgroßen Konzernen Produktionsstätten in Nowgorod auf. Dazu zählt etwa die Gesellschaft OOO Nordik Lim Tre, die russische Tochter des schwedischen Konzerns IMR Nordic Industries AB. Die Nordeuropäer bauen für knapp 1,2 Milliarden Rubel ein Holzverarbeitungswerk, das 2012 fertigge-stellt werden soll. Das Unternehmen OOO Nowogorodskaja lesopromyschlennaja kompanija Sotrudnitschestwo will die bestehenden Anlagen modernisieren. Bis 2010 sollen für 808 Millionen Rubel Maschinen für eine bessere Verarbeitung der Baumstämme gekauft werden. Ähnliche Pläne verfolgt die Gesellschaft OOO Waldailesprom. Das Unternehmen in will die Holzverarbeitung bis 2010 für 500 Millionen Rubel vorantreiben.

Neues Kombinat größtes Projekt

Das größte Projekt setzt im Augenblick der Irkutsker Konzern „Nazionalnaja investitionnaja gruppa“ um. Auf einer Fläche von 62 Hektar soll östlich der Gebietshauptstadt Weliki Nowgorod ein Kombinat zur Herstellung von Fertig-Holzhäusern entstehen. Bis 2010 sollen ein Sägewerk mit Kapazitäten für 180.000 Kubikmeter Holz pro Jahr, eine moderne Trockenanlage, eine Fabrik zur Holz-Weiterverarbeitung, eine Anlage zur Produktion von OSB-Platten, ein Werk zur Herstellung von Heizpellets und natürlich die Hallen für die Fertigung der Holzhäuser errichtet werden. Dazu sollen bis 2010 knapp 8,8 Milliarden Rubel, umgerechnet 237 Millionen Euro, investiert werden. Das Projekt genießt bei der lokalen Administration sowie in Moskau höchste Priorität, will die Russische Föderation doch sowohl den privaten Wohnungs- bzw. Hausbau wie auch die Holzwirtschaft ankurbeln.

Nowgorod pflegt seit jeher intensive Handelsbeziehungen zu Deutschland. Das galt bereits im Mittelalter, als Nowgorod eine wichtige Hansestadt war. Aber auch heute können sich die internationalen Verflechtungen sehen lassen: Der Außenhandelsumsatz zwischen der Bundesrepublik und Nowgorod belief sich 2008 auf 103,8 Millionen US-Dollar. Das war knapp ein Drittel mehr als noch 2007. Damit belegte Deutschland den vierten Platz in der Außenhandelsstatistik der nordwestrussischen Region. Dabei sind die deutschen Exporte (2008: 75,1 Millionen US-Dollar, 1,5-mal mehr als 2007) viermal so hoch wie die russischen. Auf der Einkaufsliste ganz oben standen 2008 Maschinen und Anlagen, organische chemische Verbindungen und Fahrzeuge.

Regionalverwaltung investiert

Die Wirtschaft der Republik legte in den vergangenen Jahren im russlandweiten Vergleich zwar unterdurchschnittlich zu. Aber Wachstumsraten beim Bruttoinlandsprodukt von kontinuierlich vier bis 5,5 Prozent spülten ordentlich Geld in die Kassen der Regionalverwaltung. Diese steigerte ihre Ausgaben 2008 um stolze 56 Prozent. Staatliche Bildungseinrichtungen sind der größte Kostenblock im Nowgoroder Regionalhaushalt. Für die Modernisierung von Universitäten und Schulen sowie die Gehälter des Lehrpersonals gab das Gebiet Nowgorod 2008 rund 4,8 Milliarden Rubel aus. Danach folgten die Kommunalwirtschaft und das Gesundheitswesen. Künftig wird aber auch Nowgorod wieder sparen müssen. Für das Jahr 2009 erwartet die Gebietsverwaltung einen Rückgang der Wirtschaftsleistung.

Von Bernd Hones,

Germany Trade and Invest, Moskau

Aus Russland Aktuell 24/2009